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Stutz-Gesprächskreis Bayreuth 19.Juli 2011 - Jeder, der eine Frau anblickt... Mt 5,27-32 Drewermann, "Matthäus-Evangelium", Erster Teil, Seite 463-473 1 Wie gewinnt man "reine" Augen? Die Kampfansage, die Matthäus mit Hilfe bestimmter Jesus-Worte gegen die menschliche Sexualität richten zu müssen glaubt, ist von einer geradewegs verheerenden Dynamik gewesen. Der Verfälschung einer ursprünglich befreienden Botschaft in ein moralisches Zwangsdenken scheint selbst die Literatur der Kirchenväter recht zu geben. Alles sexuelle Begehren, versichern sie, sei tierisch, eines Menschen unwürdig und unsittlich vor Gott. Zuversichtlich äußern sie sich, dass es im Paradies, vor dem Sündenfall, möglich gewesen sei, Kinder zu zeugen ohne die Infamie orgiastischer Lust. Geistesgeschichtlich lässt sich darin das Bestreben erkennen, die Seele des Menschen von den Fesseln der Natur zu befreien. Doch heute ist eine Sexualmoral nicht mehr nachvollziehbar, deren Hauptmotiv in einer überhöhten Strafangst besteht und deren Ergebnis auf die Exekution schwerer Abspaltungen, Verdrängungen und körperlicher wie seelischer Schäden und Krankheiten aller Art hinausläuft. Nicht das Ausreißen, sondern das Annehmen und Einüben muss als Kultur der Liebe im Umgang zwischen Mann und Frau verstanden werden. Was, wenn überhaupt, hat dann die Bergpredigt an dieser Stelle uns Heutigen noch zu sagen? Man muss die Frage so radikal stellen, weil der Schaden eines bibeltheologischen Nachredens überkommener Formeln hier, im Intimbereich der Seele, noch katastrophaler ausfallen muss als an vielen anderen Stellen des neuen Testaments. Wie interpretiert man die Worte, die Matthäus hier aufgreift, in einem Sinnzusammenhang, der Jesus von Nazareth wirklich zu Wort kommen lässt und sein eigentliches Anliegen eines unbedingten Gottvertrauens nicht gerade in sein Gegenteil verkehrt? Denn schaut man auf das Beispiel, das Jesus im Umgang mit Frauen gibt, ist es undenkbar, dass er eine Moral der verdrehten Blicke und der verkrampften Finger vertreten haben sollte. Die Engstirnigkeit, mit der sich die Moral des "Rühr-mich-nicht an" sonst zu umgeben pflegt, ist ihm vollkommen fremd. Selbst Matthäus blendet die Szene nicht aus, da in Bethanien eine Frau hereintritt und Jesus vor den Augen aller salbt. Es ist eine mutige Gebärde der Freiheit im Umgang zwischen Mann und Frau, die all die Sicherheitsvorkehrungen und Kontakttabus durchbricht, mit denen die moralisch befohlene Pflicht zur Sexualangst sonst sich zu umgeben trachtet. Jesus selbst erklärt den Hohenpriestern (Mt 21,31): "Die Zöllner und Huren kommen in das Himmelreich - ihr nicht!" Da ist nichts zu spüren von Verführungsgefahr und Sündenangst; da sieht jemand einfach Menschen in ihrer Verzweiflung und in ihrer Liebe. Und das ist jetzt offenbar die eigentliche Frage: Wie gewinnt man Augen, die rein genug sind, um Gott zu schauen, mitten im Elend, mitten in der Schönheit, unverblendete Augen, und wie gewinnt man Hände, deren Berührungen schützen und erwecken, beleben und aufrichten statt zu zerbrechen und zu verwüsten? So viel scheint klar: wenn die katholische Moraltheologie jemals die Sünden ihrer Vergangenheit, das heißt, auch noch der jüngsten Gegenwart, aufarbeiten will, so muss sie das Verbrechen eingestehen, das sie beging, als sie die Lehren des Matthäus von der vollkommenen "Reinheit" vorlegte und den Lehr- und Wehrstand kirchlicher Sexualunterdrückung produzierte.
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